Hebelgebisse wieder im Fokus

Das jährliche Treffen des Sportkommittees der FEIF hat anfang Februar 2018 stattgefunden. Die Protokolle werden jeweils auf der FEIF Homepage veröffentlicht. Wieder einmal sorgen Hebelgebisse, allen voran die Islandkandare mit Zungenfreiheit, für Diskussionsstoff. 

Die FEIF kam im November 2017 zum Schluss, dass sie keinen direkten Zusammenhang zwischen Maulverletzungen und Hebelgebissen feststellen konnten und hoben das Verbot weitgehend wieder auf (siehe Blog Beitrag). Die Rede ist vor allem von Islandkandaren mit Zungenfreiheit, welche die FEIF noch vor wenigen Jahren verboten hatte. Die kurze Info wurde irgendwo auf der Homepage versteckt, kaum zu finden. Dank dem offenen Brief von Mette Manseth (Brief von Mette Manseth) an die FEIF, ging dann doch eine Welle der Entrüstung durch die Islandpferdewelt oder zumindest durch Teile der Islandpferdewelt.

 

Entscheidungsgrundlage angezweifelt

Die Vertreter von Deutschland haben am jährlichen Treffen des Sportkommittees darum gebeten, die Entscheidung der FEIF vom November 2017 zu überdenken. Unter anderem, weil es keine neuen Ergebnisse oder Messungen gab und den Richtern der FEIF Mitgliedsländer keine Informationen zu diesem Thema zur Verfügung gestellt wurden. Zudem hat Deutschland seine Kooperation und Unterstützung zu weiteren Studien angeboten. Der Antrag wurde abgelehnt

 

Das Wohl des Pferdes

Vertetreter aus Island haben in diesem Zusammenhang aufgebracht, dass solche Entscheidungen auf der Grundlage von Forschungsergebnissen getroffen werden sollten. Das Wohlergehen des Pferdes müsse an erster Stelle stehen. Gemäss Protokoll haben die Isländer das Kommittee aufgefordert, die Studie von 2012 zu lesen. Die Studie ist unter diesem Link einsehbar (nur in englisch verfügbar). Die FEIF hatte diese Studienergebnisse bereits vorher schon als nicht ausreichend bezeichnet. Die Isländer haben weiters aufgezeigt, dass das Isländische Tierschutzgesetz jegliche Hebelgebisse mit Zungenfreiheit bei Turnieren und Shows verbiete. Island beantragte, dass alle Hebelgebisse mit Zungenfreiheit verboten werden. Der Antrag wurde ebenfalls abgelehnt.

 

Isländische Studie zu Maulverletzung an Sportturnieren 

Insgesamt wurden Daten von 424 Turnierpferden am Landsmót und íslandsmót gesammelt. Im Ergebnis brachte die Studie hervor, dass Läsionen im Pferdemaul, verursacht durch Gebisse, ein generelles Problem im Islandpferdesport darstellen. 36% der Studienpferde wiesen bereits vor der ersten Prüfung leichte Verletzungen im Pferdemaul auf, vor allem im Bereich der Lippen und Mundschleimhäute. Die gefundenen Verletzungen im Backenbereich würden häufig auf ein chronisches Geschehen (Verhornung) hindeuten. Bei zweiunddreissig Pferden (7.5%) wurden bei der ersten Untersuchung schwere Verletzungen wie Läsionen, Geschwüre, Ödeme, Kochenhautentzündungen oder sogar Verformungen des Knochens festgestellt.

 

Die Art des Gebisses beeinflusse die Art und den Schweregrad der Verletzungen. Das Risiko von Verletzungen im Bereich des Unterkiefers steige entscheidend bei der Verwendung von Hebelgebissen mit Zungenfreiheit. Die meisten dieser Verletzungen wurden dann auch als schwer eingestuft. Weiters sei aber auch ein Zusammenhang zwischen Läsionen im Pferdemaul und der Verwendung von Trensengebissen vorhanden, was frühere Berichte bestätigen würden. 

 

Wiederholte Mauluntersuchungen zeigten, dass mit einer Ausnahme sämtliche Pferde, die auf Hebelgebiss mit Zungenfreiheit geritten wurden, am letzten Prüfungstag Verletzungen im Bereich der Laden hatten. Das Problem mit der sogenannten Zungenfreiheit ist eigentlich hinlänglich bekannt. Das Gebiss entlastet entgegen der Vermutung eben nicht die Zunge, sondern drückt in erster Linie auf die wahnsinnig empfindlichen Laden. Zu diesem Schluss sind auch schon andere, disziplin-unabhängige Studien von tiermedizinischen Fakultäten gekommen. 

 

Gedanken zu Gebissen im Allgemeinen

Auch wir vom IPV CH Kommunikationsteam haben immer mal wieder über Gebisse und auch Hebelgebisse im Speziellen berichtet, im Magazin und hier im Blog. Die Schärfe eines jeden Gebisses und auch gebisslosen Zaumes liegt zweifellos in den Händen des Reiters. Ob einem Pferd durch Training und Reitweise Schmerzen oder gar Verletzungen zugefügt werden oder nicht, hat nicht kausal zwangsläufig mit dem verwendeten Equipment zu tun. Galopprennpferden werden mit einfachen Reitgerten erhebliche Verletzungen in der Muskulatur zugefügt. Die Nutzung einer Reitgerte wird deswegen aber nicht grundsätzlich angezweifelt. Die Kandare mit "Zungenfreiheit" scheint hier aber, aufgrund physischer und physikalischer Gegebenheiten, tatsächlich eine der Ausnahmen zu sein. Und im Zweifelsfall verwendet der mit gesundem Verstand gesegnete Reiter doch bitte kein Equipment, welches potentiell schmerzhafte Verletzungen verursacht. 

 

Ob mit irgendeinem Gebiss verhältnismässig öfter Verletzungen zugeführt werden oder nicht, sollte indes nicht als einzige Entscheidungsvariable herangezogen werden, da ist dem FEIF Sportausschuss durchaus beizupflichten (Antwort der FEIF auf den Brief von Mette Manseth). Die ewigen Diskussionen um "empirische" Forschungsergebnisse und deren Aussagekraft ist ermüdend und bringt uns nicht weiter. In Bezug auf Hebelgebisse, gleich welcher Art, könnte aber durchaus die Frage gestellt werden, weshalb ein (Profi-) Reiter auf einer eingezäunten Ovalbahn die physikalische Kraft eines Hebels benötigt, um ein Kleinpferd unter Kontrolle zu halten. Wenn, aus welchem Grund auch immer und in welcher Art auch immer, Gewalt angewendet, dem Tier Schmerzen zugefügt und dies dann auch noch mit hohen Noten belohnt wird, läuft etwas gewaltig schief. Im Interesse des Pferdes ist das ganz sicher nicht. Nicht jede Verletzung, schon gar nicht die im Maul, ist offensichtlich erkennbar. Bei manchen Fällen benötigt es schon Experten dazu. Aber die "unschönen" Ritte erkennt man durchaus auch von aussen, wenn man denn will. 

 

Wie in so vielen Bereichen des Lebens hält der zahlende Konsument (Reitschüler, Pferdekäufer, Pferdebesitzer, Züchter...) die Macht in seinen Händen. Wer mit Ehrungen, Jubel und vor allem Konsum (Reitstunden, Pferdekauf, Beritt...) unterstützt und in seinem Tun bekräftigt wird, liegt weder in den Händen der FEIF, noch irgendwelcher Reglemente. Diese Verantwortung tragen wir alle. Diesen Beitrag leisten wir alle, tagtäglich, bewusst oder unbewusst.