Die Sache mit dem Hanf

In letzter Zeit erfreut sich nicht nur der menschliche Konsum von (fast) THC-freiem Hanf wachsender Beliebtheit. Auch die Fütterung von Hanf oder Hanfderivaten an Pferde liegt voll im Trend. Dies ist nur verständlich, verfügt der sogenannte Nutzhanf resp. das daraus gewonnene Hanfnüsschen über eine Reihe interessanter Inhaltsstoffe. Doch wie sieht die Gesetzeslage aus?

Hanf ist eine uralte Kulturpflanze, die in China schon vor über 10'000 Jahren genutzt wurde. Speziell das aus den Hanfnüssen (Samen) gewonnene Hanföl ist in der gesunden Küche für Salatdressings bekannt. "Ihre Chance, gesund und munter 100 Jahre alt zu werden, erhöht sich offenbar enorm, wenn Sie regelmässig Hanfsamen essen.", so beginnt etwa der Beitrag über Hanf vom "Zentrum für Gesundheit". [1] Googelt man das Hanfnüsschen, ist gar die Rede vom nächsten Superfood. Denn im Hanfnüsschen sind alle essentiellen Aminosäuren enthalten. Es handelt sich also um kleine Kraftpakete. Zudem überzeugen sie mit hohen Anteilen an Vitamin B1, B3, B6 und E, Eisen, Magnesium, Zink sowie den gesunden Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, die im idealen 3:1 Verhältnis stehen. Wer sich für eine detaillierte Auflistung der Fettsäuren, Aminosäuren, Vitamine und Mineralstoffe in der Hanfnuss interessiert und für wen oder was diese gut sind, findet nützliche Informationen im Artikel von Herrn Neumann auf der Homepage www.tiergewuerze.de.

Rechtliche Lage in der Schweiz

Obwohl es sich bei diesem Futtermittel nicht um den indischen Hanf (Cannabis indica), sondern um den Nutzhanf (Cannabis sativa) handelt, der über eine verschwindend geringe Menge an THC (Tetrahydrocannabinol) verfügt, stellt sich wohl Frage, ob die Verfütterung an Nutztiere dennoch erlaubt ist.

 

Im Jahresbericht 2016 der amtlichen Futtermittelkontrolle wird erwähnt, "dass ein Unternehmen Hanf für Pferde in Verkehr brachte. Da Pferde gemäss Futtermittel-Verordnung FMV Nutztiere sind, ist dieses Geschäft gemäss Anhang 4.1 der Futtermittelbuch-Verordnung FMBV verboten. Das Unternehmen musste dieses Handel einstellen und sich registrieren lassen. Dies führte sogar zu einer Strafanzeige." [2]

 

Aus der Medienmitteilung des Bundesrates vom 19.02.2007 ist folgenden Passus zu entnehmen: "Der Grund für die Einführung dieser Bestimmungen ist, dass Tetrahydrocannabinol (THC), die rauschbildende Substanz in Hanf, bei der Verfütterung an Milchkühe vom Futter in die Milch übergeht. Unter dem Blickwinkel des Gesundheitsschutzes kann dies nicht hingenommen werden, insbesondere wenn Kleinkinder die betroffene Milch konsumieren. Beim Übergang von THC in das Fettgewebe von Schlachttieren wird von den gleichen Voraussetzungen ausgegangen."

 

Stellungnahme von Agroscope

Da es sich bei Pferden in der Schweiz nicht um Milchvieh handelt und ein Grossteil als Heimtier gehalten wird, ist nach wie vor unklar, ob nun die Verfütterung von Hanf oder Hanfderivaten an als Heimtiere registrierte Pferde erlaubt ist. Um das herauszufinden, haben wir kurzerhand den Leiter für amtliche Futtermittelkontrolle Agroscope zu Rate gezogen.

 

IPVCH Blog (Blog): Aktuell gibt es immer noch oder wieder einen Markt, in welchem Hanf für Pferde in der Schweiz öffentlich angeboten und vertrieben wird. Hat sich an der Gesetzeslage

etwas geändert?

Michel Geinoz (Geinoz): Die aktuell gültige Gesetzeslage hat nicht geändert und ist klar. Gemäss Definition des Art. 3 Abs. 2 Bst. h der Futtermittel-Verordnung FMV (SR 916.307) sind Pferde Nutztiere. Gemäss Anhang 4.1 Teil 2 der Futtermittelbuch-Verordnung FMBV (SR 916.307.1) ist die Verfütterung von Hanf und Derivate an Nutztiere verboten. Dies wurde vom Gesetzgeber (BLW) entschieden, damit kein THC in den Lebensmitteln tierischen Ursprungs übertragen wird.

 

Blog: Die Registrierung von Pferden als Heimtiere macht hierbei also keinen Unterschied?

Geinoz: Der Heimtierstatus stützt sich auf die Heilmittelgesetzgebung und gilt aus Sicht der  Futtermittelgesetzgebung nicht. Somit ist die Verfütterung von Hanf an Pferde generell nicht erlaubt.

 

Blog: Im Anhang 1.4 Katalog der Einzelfuttermittel (Liste der Einzelfuttermittel, die nicht gemeldet werden müssen)" sind auch die Hanfsamen aufgeführt. Bedeutet das nicht, dass die Verfütterung von Hanfsamen erlaubt ist?

Geinoz: Das Anhang 1.4 FMBV ist keine « Positivliste » der zugelassenen Futtermittel sondern «nur» eine Liste, die Kennzeichnungsinformationen liefert. Das Vorhandensein von Hanfsamen bezieht sich auf Heimtiere, wie auch z.B. tierische Produkte.

 

Blog: Soweit bekannt, befindet sich THC in den Pflanzenteilen des Hanfes und nicht im Samen. Oder zählen Sie auch die Hanfsamen zu den Hanfderivaten und dürfen deshalb in der Schweiz auch nicht an Pferde verfüttert werden?

Geinoz: Gemäss Anhang 4.1 ist "Hanf oder Produkte davon in jeder Form oder Art" nicht erlaubt. Die Samen sind darin inbegriffen.

 

Die Antworten von Agroscope lieferten noch kein zufriedenstellendes Ergebnis. Gemäss Definition des Art. 3 Abs. 2 Bst. h der Futtermittel-Verordnung FMV (SR 916.307) sind Pferde Nutztiere. In dieser Sache widersprecht die Futtermittelverordnung der Tierarzneimittelverordnung. Gemäss TAMV Abschnitt 2, Art. 15 ist ein Pferd von Geburt an ein Nutztier. "Soll es nicht der Lebensmittelgewinnung dienen, so muss es als Heimtier bezeichnet werden. Dieser Verwendungszweck kann nicht mehr geändert werden." Per Gesetz ist also ein als Heimtier registriertes Pferd nie wieder für die Lebensmittelgewinnung zugelassen, muss aber gemäss FMV nach wie vor wie ein Nutztier gefüttert werden, damit z.B. kein THC in Lebensmittel übertragen wird. Da es sich aber um ein registriertes Heimtier handelt, dürfen andererseits Medikamente verabreicht werden, die einem für die Lebensmittelindustrie dienendem Nutztier verwehrt bleiben. Die Logik dahinter ist nicht erkennbar. Und Als Besitzerin von als Heimtieren registrierten Equiden sehe ich grundsätzlich nicht ein, weshalb ich meine Fütterungspraxis der FMV für Nutztiere zu  unterstellen habe.

 

Stellungnahme des Bundesamtes für Landwirtschaft

Aufgrund der in sich nicht schlüssigen Gesetzeslage habe ich Jürg Jordi vom Bundesamt für Landwirtschaft kontaktiert und ihm ebenfalls ein paar Fragen gestellt.

 

IPVCH Blog (Blog): Worauf begründet die fehlende Unterscheidung zwischen Nutz- und Heimtier von Equiden in der FMV? Vor allem in Anbetracht dessen, dass Heimtiere offensichtlich nicht zur Lebensmittelproduktion zugelassen sind und damit keine Gefahr von THC in Lebensmitteln besteht.

Jürg Jordi (Jordi): Die Futtermittelgesetzgebung hat eine eigene Definition für die Tiere, weil die Problematik anders ist als bei der TAMV. Die Futtermittelverabreichung ist normalerweise für eine Gruppe von Tieren dieselbe. Innerhalb der Gruppe können sich sowohl Nutztiere als auch Heimtiere nach TAMV befinden. Im Gegensatz zur tierärztlichen Einzelbehandlung wird im Normalfall nicht differenziert gefüttert. Somit kann das Risiko einer allgemeinen Fütterung aller Pferde als Heimtiere nicht getragen werden. Die Betrachtung aller Pferde als Nutztiere gilt, aus den erwähnten Gründen, übrigens auch in der ganzen EU.*1

 

Hanfsamen in Kürze wieder erlaubt

Die European Food Safety Authority (EFSA) hat im 2011 eine wissenschaftliche Meinung zur Verwendung von Hanfpflanzen und deren Derivate veröffentlicht. Obwohl keine Daten für Lebensmittel tierischen Ursprungs (ausser Milch) verfügbar wären, würden die lipophilen Eigenschaften von THC nahe legen, dass die Schlussfolgerungen aus dem Milchverbrauch grundsätzlich für andere tierische Erzeugnisse gelten könnte. Folglich sieht das Gremium keine Option für die Verwendung ganzer Hanfpflanzen als Futtermittel in der Tierernährung. Im Gegensatz dazu wurden Hanfsamen als sicher für die Verbraucher eingestuft. [6]

 

Gemäss Jürg Jordi wurde das generelle Verbot von Hanf für Nutztiere nun in der Schweiz überarbeitet: "reine Hanfsamen enthalten kein THC, ausser durch kleine Verunreinigungen mit Pflanzenteilen. Gemäss Risikobewertung wurde beschlossen, dass Hanfsamen und Derivate (Öl und Presskuchen) als zugelassene Sorten ab dem 1.1.2018 für Nutztiere, die keine Verkehrsmilch produzieren, als Futtermittel zugelassen werden."

 

Lange Rede, kurzer Sinn: Der Fütterung von Hanfsamen an Pferde steht also in wenigen Wochen nichts mehr im Wege. Na dann, guten Appetit. 

 

 

Quellen:

[1] Zentrum der Gesundheit - https://www.zentrum-der-gesundheit.de/hanfsamen-essen-ia.html

[2] www.agroscope.admin.ch

[3] Neumann Tiergewürze http://tiergewuerze.de/Hanf-1

[4] Tierarzneimittelverordnung, Abschnitt 2, Art. 15

[5] Medienmitteilung des Bundesrates vom 19.02.2007, Bern

[6] Scientific Opinion on the safety of hemp (Cannabis genus) for use as animal feed, EFSA Journal 2011

 

*1 Anmerkung: in Deutschland wird Futterhanf für Pferde im grossen Stil angeboten und vertrieben, sowohl die Pflanze wie auch der Samen. Entweder interessiert sich niemand für dieses Verbot oder es ist schlichtweg unbekannt.