Herbstzeit ist Entwurmungszeit - oder nicht?

In der Haltung und Fütterung von Pferden haben sich einige alteingesessene Vorstellungen äusserst hartnäckig verankert. So auch die klassische Entwurmungsstrategie. Aber nun gerät sie ins Wanken - denn der Blick auf alternative Vorgehensweisen im Angesicht der Resistenzbildung und chemischen Belastung lohnt sich.  

Text: Angi Böni

 

Seit einigen Jahren beschäftigtem sich Pferdehalter, Tierärzte, Parasitologen und sogar die Behörden mit dem Problem der Resistenzbildung von Würmern. Immer neue Wirkstoffe zu entwickeln, scheint kein gangbarer Weg - wie es schon bei der Antibiotikaproblematik erkannt wurde. Denn eigentlich ist die Resistenzbildung ein natürlicher Prozess der Evolution. Es gab und wird immer resistentere Organismen geben. Töten wir die schwächeren ab, stärken wir dabei auch gleich die sowieso schon stärkeren. Der wichtigste Faktor bei der Resistenzbildung ist der Mensch, der mit seinem Fehlverhalten auf vielen Ebenen den Nährboden für die heutigen Probleme gelegt hat. Der unüberlegte und als Krönung auch noch falsche Einsatz von Wurmkuren ist so ein Beispiel. So wird immer noch in vielen Ställen die Wurmkur unterdosiert verabreicht, um Kosten zu sparen (zwei ausgewachsene Islandpferde mit einer Wurmkurspritze zu versorgen, entspricht in fast 100% aller Fälle einer Unterdosierung). Bei Unterdosierung besteht die Gefahr, dass die Resistenzbildung von Würmern gegen bestimmte Wirkstoffe gefördert wird.

 

Die Strongylidenarten

Ein bisschen Theorie schadet nie - Die Palisadenwürmer bzw. Strongylidae sind weltweit für das Pferd die bedeutendsten Endoparasiten, weshalb sie hier am meisten Platz erhalten. Es handelt sich fast ausnahmslos um Mischinfektionen mit den sogenannten grossen Strongylidenarten (Strongylus vulgaris, S. edentatus und S. equinus) mit den kleinen Strongyliden. Die exogene (ausserhalb des Organismus entstehend, von aussen in den Organismus eindringend) Entwicklungsphase beginnt mit Absetzung der Eier im Kot in die Aussenwelt. Im Mitteleuropäischen Raum findet die Entwicklung ausserhalb des Wirtes zwischen April und Oktober statt und dauert 5 bis 14 Tage je nach Temperatur, wobei 12 Grad als Mindesttemperatur notwendig sind. Die sich im letzten Stadium der exogenen Entwicklung befindlichen Larven sind sehr feuchtigkeitsliebend. Sie verlassen den Kot und wandern an feuchtem Gras aufwärts bis ca. 10cm Höhe. Trocknet das Gras ab, wandern die Larven wieder zurück zur Grasnarbe wo sie weniger aufgenommen werden können. Der Larvenanteil auf trockenem Gras ist daher um 85% reduziert.

 

Die endogene Entwicklung (Entstehung im Inneren des Lebewesens) beginnt nach der Aufnahme der Larve durch den Wirt. Die grossen Strongyliden beginnen nun ihre ausgedehnte Wanderung durch den Körper. Die verschiedenen Strongylidenarten weisen dabei unterschiedliche Entwicklungsphasen auf und folgen verschiedenen Wegen. Die Zeitdauer von der Aufnahme bis zum Auftreten von ersten Geschlechtsprodukten (Eier, Larven u. a.) im Kot dauert je nach Art zwischen 6.5 (S. vulgaris) und 11 Monaten (S. edentatus). Wegen der ausgeprägten Wanderung durch den Körper, können die Strongylidenarten ordentlich Schaden anrichten. Vor allem die Larven des S. vulgaris können Schäden des arteriellen Gefässsystems verursachen. Bei den Larven des S. equinus und S. edentatus findet zwar keine arterielle Wanderung statt, jedoch verursachen diese Arten Veränderungen in der Leber und anderen Organen.

 

Bei den kleinen Strongyliden findet keine Körperwanderung statt, ihre Entwicklung ist auf den Dickdarm beschränkt. Die Zeitdauer von der Aufnahme bis zum Auftreten von ersten Geschlechtsprodukten im Kot dauert hier nur 5 bis 12 Wochen. Obwohl relativ viele Pferde kleine Strongyliden aufweisen (hohe Prävalenz), sind klinische Symptome auch bei hochgradigen Infektionen selten. Charakteristisch ist ein saisonales Auftreten im Zeitraum von November bis April in nördlichen oder im Frühling und Sommer in südlichen Gebieten bei Jungtieren bis zu einem Alter von fünf Jahren. [1]

 

Bei frequenter Beprobung mittels McMaster-Verfahren und kombiniertem Sedimentations-Flotations-Verfahren ist ein hohes Mass an Sicherheit bei der Strongylidenkontrolle zu erreichen. [3] Wichtig dabei ist, dass die Larven bereits ein bestimmtes Entwicklungsstadium erreicht haben. Wie oben beschrieben kann das bis zu 11 Monaten nach der Aufnahme dauern. Um die grossen von den kleinen Strongyliden unterscheiden zu können, müssen die Larven in Kotkulturen angezüchtet werden. [1]

 

Die Spulwürmer

Erwachsene Spulwürmer werden eklige 15 bis 50cm lang, sind weiss und können so dick werden wie ein Bleistift. Sie sind häufig bei Fohlen und Jährlingen anzutreffen, ganz selten jedoch bei älteren Pferden. Die geschlechtsreifen Würmer siedeln sich im Dünndarm an und produzieren dort bis zu 100'000 Eier täglich, die über den Kot ausgeschieden werden. Wie fast alle Parasiten, sind sie extrem widerstandsfähig und überleben auch den Winter auf der Weide. Bei günstigen Bedingungen von ca. 28 Grad dauert die Entwicklung zwei bis drei Wochen.

 

Pferde infizieren sich mit Spulwürmern durch die Aufnahme von kontaminiertem Futter auf der Weide und im Stall zum Beispiel bei Matratzensystemen. Die Larve schlüpft dann im Magen und Darm, wandert in die Darmvenen, gelangt so innerhalb von 24h in die Leber, wandert nach weiterem Durchlaufen von Entwicklungsstadien auf dem Blutweg in die Lunge und u.a. über die Bronchien in die Maulhöhle wo sie erneut abgeschluckt werden und sich wieder im Dünndarm befinden. Der ganze endogene Zyklus dauert 6 bis 8 Wochen. Wie bei den grossen Strongyliden verursachen die Larven der Spulwürmer vor allem während ihrer Wanderung durch den Körper Schäden. Veränderungen in der Leber und der Lunge können Gewichtsverlust und vorübergehenden Husten mit Nasenausfluss verursachen. Es kann zudem zu Fieber und Fressunlust kommen. Die im Darm lebenden Spulwürmer können durch die Produktion grossen Mengen Fettsäuren zu wechselnder Fresslust, Abmagerung und struppigem Haarkleid führen. [1] Die Eier werden mit dem Kot ausgeschieden und lassen sich sowohl per McMaster-Verfahren als auch im kombinierten Sedimentations-Flotations-Verfahren zuverlässig nachzuweisen. [3]

 

Der Bandwurm

Voraussetzung für die Infektion mit Bandwürmern ist die Weidehaltung. Der Bandwurm benötigt für seine Entwicklung ausserhalb des Pferdes ein Zwischenwirt. Dieser Zwischenwirt ist die Moosmilbe, die sich in der Regel beim ersten Frost im Spätherbst in die Erde zurück zieht. Das Populationsdichte der für den Bandwurm notwendigen Moosmilbe kann regional sehr unterschiedlich sein, wobei sie vor allem feuchte Gebiete und Dauerweiden zu schätzen weiss und besonders in den Sommer- und Herbstmonaten deutlich zunimmt.

 

Die Milbe nimmt die Bandwurmeier im Kot auf und verweilt so für ihre gesamte Lebensdauer von bis zu zwei Jahren als Infektionsträger. Ein befallenes Pferd kann bis zu 6 Monaten Parasitenträger bleiben. Die dominierende Bandwurmspezies wird häufig für Verletzungen im Dickdarmbereich verantwortlich gemacht, die sogar den Tod des Pferdes zur Folge haben können. Die klinischen Symptome bei Bandwurmbefall sind eher unspezifisch. Beschreibungen reichen von schlechter Entwicklung und geringer Leistungsfähigkeit, Verdauungsstörungen bis zu unspezifischen Koliksymptomen. Ein schlechtes Allgemeinbefinden, Dehydratation, beschleunigte Atmung, erhöhte Herzfrequenz, aufgegaste Darmteile und fehlende bzw. stark unterdrückte Darmperistaltik. [1] Bei der frequenten Untersuchung möglichst aller Pferde eines Bestands über das Jahr hinweg ist die Nachweiswahrscheinlichkeit des Bandwurms sehr hoch. Er wird sowohl bei der Eizählung per McMaster als auch beim kombinierten Sedimentations-Flotations-Verfahren gefunden. [3]

 

Die Magendasseln

Die Magendasseln gehören nicht zu den Endoparasiten. Es sind die Larven der Dasselfliegen, welche das Pferd zum Überwintern der Larven nutzen. Die Fliegen legen ihre gelblichen Eier im Flug auf dem Fell der Wirtstiere ab, bevorzugt werden die Vorderbeine und die Brust angeflogen. Durch Benagen der betroffenen Fellpartien gelangen die Eier in die Maulhöhle des Pferdes und wandern von dort weiter in den Magen. Um nicht mit der Nahrung weiter transportiert zu werden, beissen sich die Larven in der Magenschleimhaut fest. Hierbei werden Mikroläsionen gesetzt, die zu Magenschleimhautentzündungen und bei empfindlichen Pferden sogar zu Magengeschwüren führen können. Im kommenden Frühjahr lassen die Larven los und werden mit der Nahrung durch den Darm transportiert und schliesslich mit dem Kot ausgeschieden. Ihr Vorkommen ist regional sehr unterschiedlich. Es gibt weite Teile in Deutschland und Österreich, die kaum bis garnicht von den Dasselfliegen betroffen sind (Dasselkarte). Daher ist eine Behandlung gegen Dassellarven nur nach Sichtung von Eiablagen auf dem Fell oder Nachweis von Dassellarven bei einer Gastroskopie zwingend erforderlich. Die Behandlung sollte im Winter frühestens 6 Wochen nach der letzten Eisichtung durchgeführt werden.[3]

 

Die Lungenwürmer

Eigentlicher Wirt des Lungenwurmes ist der Esel. Leben jedoch Pferde in Wechselbeweidung mit Eseln oder Mischungen aus Esel und Pferd, so ist eine Kontamination der Pferde mit Lungenwürmern nicht ausgeschlossen. Gerade Jungpferde oder Fohlen sind dafür anfällig. Aufgenommen werden Lungenwurmlarven von den Pferden mit dem Gras. Durch die Darmwand können die Larven in die Lymphgefässe gelangen, von denen aus sie über das Blut ihren Weg in die Pferdelunge finden. [3] Da sich diese parasitäre Erkrankung ohne Einschränkung fürs Tier vermeiden liesse, soll hier nicht näher darauf eingegangen werden.

 

Die klassische Entwurmungspraxis
Je nach Ansicht, wird zwischen drei und fünf mal pro Jahr entwurmt. Im April/Mai gegen Rundwürmer, im Sommer nochmal gegen andere Rundwürmer, im September/Oktober gegen weitere Rund- und zusätzlich Bandwürmer und auch im November sind die lästigen Rundwurmer im Spiel, neben weiteren Bandwürmern und noch Magendasseln. Damit hat sich die Sache in vielen Ställen erledigt, kurz und bündig. Allzu oft steht diese Vorschrift nicht verhandelbar im Pensionsvertrag.

 

Dieses regelmässige, prophylaktische Entwurmen bringt aber einige Nachteile mit sich, wie zum Beispiel die hohe Belastung der Pferde mit Arzneien. Wer klassisch entwurmt, sollte sich in Erinnerung behalten, dass die Wurmmittel eine hoch dosierte Chermiekeule darstellen. Eine Wurmkur belastet den Körper und ist kein Sonntagsspaziergang für den pferdischen Organismus, so auch der Experte Ingolf Bender. [2] Dazu kommen die Belastung der Böden durch die Chemikalien, die ja wieder ausgeschieden werden und nicht zuletzt die Förderung von Resistenzen bei den Parasiten. So sind zum Beispiel die Strongyliden bereits seit einigen Jahren resistent gegen Produkte der Wirkstoffgruppen Benzimidazole und Pyrantel. [1] Spulwürmer sind Überlebenskünstler und haben in der Zwischenzeit Resistenzen gegen die Wirkstoffgruppen Ivermectin und Moxidectin gebildet. [3]

 

Die selektive Entwurmung  

Die Methode basiert auf einer fortlaufenden Überwachung des Wurmstatus jedes einzelnen Pferdes. Es wird nur entwurmt, wenn gesundheitlich beeinträchtigende Mengen der Parasiten diagnostiziert wurden. Und auch nur bei dem Pferd, bei dem dieser Befall festgestellt wurde. Die selektive Entwurmung ist mit deutlich mehr Aufwand verbunden, was ihren Aufschwung im Jahre 1991 erfolgreich verhinderte. Die Dänen setzten der chemischen Wurmkur im Jahre 1999 aber per Gesetz einen positiven Nachweis eines Befalles mit Parasiten voraus. Holland, Finnland und Italien folgten dem Beispiel und seither wird der selektiven Entwurmung wieder deutlich mehr Beachtung geschenkt.

 

Die Vorteile liegen auf der Hand. Die Gabe von prophylaktischen Medikamenten wird auf das notwendige Minimum reduziert resp. nur dann eingesetzt, wenn ein Befall diagnostiziert wurde. Dadurch wird der gesamte Organismus des Pferdes geschont und die Bildung weiterer Resistenzen wird stark eingedämmt oder im besten Fall sogar verhindert.

 

Neben der korrekten Überwachung des Wurmstatus muss bei der selektiven Entwurmung ein möglicher Befall zudem mit vorbeugenden Massnahmen so gut wie möglich unterbunden werden. An erster Stelle sind hier sicher Hygienemassnahmen im Stall und auf der Weide zu nennen. Tägliches Misten in Stall und Auslauf sollte selbstverständlich sein. Um den Infektionsdruck so niedrig wie möglich zu halten, wird das Abmisten der Weiden alle zwei Tage empfohlen. Zusätzlich können natürliche Futtermittel verschiedenen Würmern das Leben schwer machen resp. das Darmmilieu und Immunsystem des Pferdes stärken.

 

Argumente und Gegenargumente
Die steigende Zahl an Befürwortern aus Theorie und Praxis fördernd auch Kritiker zu Tage. Sehr oft wird befürchtet, dass die Eier im Kot ungleichmässig verteilt sind und nicht regelmässig ausgeschieden werden. Daher könnte es sein, dass die Kotprobe nicht der tatsächlichen Wurmbelastung entsprecht. Dr. Marcus Menzel hält dagegen, dass es inzwischen Studien gebe, in denen mehrfach eine gleichmässige Eiausscheidung nachgewiesen wurde [4].

 

Professor Dr. Thomas Schnieder (†2012), der ehemalige Direktor des Instituts für Parasitologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover berichtete davon, dass Pferde hochgradig verwurmt sein können, jedoch nur wenige Eier ausscheiden würden. Blieben diese Pferde unbehandelt, würde das eine Gesundheitsgefährdung für das Tier bedeuten. Langfristig gesehen führt die selektive Entwurmung allerdings insgesamt zu einer Verringerung der Parasitenbelastung, weil die starken Ausscheider die Flächen weniger verschmutzen. Dr. Marcus Menzel widerspricht dieser Aussage. Er ist dagegen, aus blinder Angst den Pferden sinnlos Medikamente zu verabreichen. Egal bei welcher Strategie, ein Restrisiko bleibe. Er weist ausserdem darauf hin, dass ein geringgradiger Wurmbefall für die Pferde keinerlei gesundheitliche Beeinträchtigung bedeute. Im Gegenteil, das Immunsystem werde dadurch angeregt. Jedoch betont er auch, dass definitiv entwurmt werden müsse, wenn die Untersuchungsergebnisse den Schwellenwert überschreiten – und zwar mit einem vom Tierarzt verordneten Medikament, keinesfalls mit Kräutern. [4]


Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass es in der Praxis und speziell in Gruppen- resp. Herdenhaltung aus logistischen Gründen nicht möglich sei, Proben von jedem einzelnen Tier zu nehmen. Die Tierärztin Dr. Anne Becher erläuterte allerdings die verschiedenen Verfahren in unterschiedlichen Haltungssystemen. Je nach Haltungsform werde das Vorgehen modifiziert bzw. mit weiteren Massnahmen ergänzt. Die wichtigste Massnahme sei dabei das Quarantänemanagement von neuen Herdenmitgliedern. Die Selektive Entwurmung sei in jeder Haltungsform beim erwachsenen Pferd durchführbar, wobei der organisatorische Aufwand natürlich variabel sei [5].

 

Quellen:

[1] Vgl. Cornelia Ulrike Schnerr, Inaugural- Dissertation, Feldstudie zur Epidemiologie und Bekämpfung von Strongyliden in Pferdebeständen im Raum Baden- Württemberg, Tierärztlichen Fakultät der Ludwig- Maximilian- Universität München, 2011

[2] Vgl. Ingolf Bender in "Töltknoten"

[3] Vgl. Kotprobenlabor Keck

[4] Vgl. Dr. Marcus Menzel in "Pferd aktuell", 2017

[5] Vgl. Dr. Anne Becher in "Badische Bauernzeitung", 2015