Fortbildung für Therapeutisches Reiten

Im traditionsreichen Gasthaus Linnenschmidt in D-49179 Venne, einem Ortsteil von Ostercappeln, trafen sich am Wochenende vom 6./7. Mai 2017 ca. 70 Mitglieder und Gäste zur jährlichen Fortbildung im Rahmen der Mitgliederversammlung der Schweizer Gruppe für Therapeutisches Reiten SG-TR.

Text & Bild: Georgina Brandenberger

Der landwirtschaftlich geprägte Ort liegt zwischen Osnabrück und Bremen in Niedersachsen, am Rande des ehemals grössten zusammenhängenden Moors in Deutschland. Vorträge zum Konzept des Kinderhofs Campemoor in D-49434 Neuenkirchen Vörden fanden am Samstag Vormittag statt. Der Tagungsleiter Eberhard Laug, Reittherapeut SG-TR, der die Tagung zusammen mit Hanna Eberle, Vizepräsidentin der SG-TR, geplant und organisiert hatte, arbeitet seit 20 Jahren als Reittherapeut auf dem Kinderhof Campemoor. In seinem ersten Referat zeigte er die Entstehung und Entwicklung dieser Einrichtung für schwer verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche auf, die durch Gudrun Struck, Sozialpädagogin und Reittherapeutin, mit dem Kauf des Resthofs Campemoor 1982 begründet wurde. 1984 war das Heim mit sieben Kindern voll belegt. Von Anfang an gehörten Islandpferde zur „Familie“ und bilden bis heute einen wichtigen Pfeiler in der pädagogisch-therapeutischen Arbeit, als erlebnispädagogisch orientierte Intervention mit Pferden mit sich täglich wiederholenden, strukturiertenHandlungsabläufen.

1991 fand der erste grosse Wanderritt statt und 1995 wurde das Reitlabyrinth nach der Idee von Ian Stevenson unter energetischen Gesichtspunkten errichtet. Heute bietet die Einrichtung in zwei intensivtherapeutischen Wohngruppen und einem Verselbstständigungsbereich insgesamt 20 stationäre Plätze in drei Häusern an. Ein multiprofessionelles Team aus Sozialpädagogen, Heilpädagogen, Psychologen und Reittherapeuten fördern bei den schwer auffälligen Kindern und Jugendlichen, die sonst nirgends mehrtragbar waren, mittels klarer Strukturen und Programmen den Prozess der psychischen Nachreifung, damit sie unbewältigte Entwicklungsphasen nachholen und abschliessen können. Dies sind Voraussetzungen, dass diese Jugendlichen fähig werden, soziale und schulisch-berufliche Kompetenzen zu erwerben und später als eigenverantwortliche Persönlichkeiten zu leben.

 

Dr. Paul Hölker, Diplompsychologe und pädagogischer Leiter der Einrichtung, sprach über die Störungsbilderbei Kindern und Jugendlichen in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Die veränderten gesellschaftlichen Strukturen liessen seit ca.1995 eine Zunahme von schwerwiegenden Störungen der sozialen und emotionalen Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen beobachten, die oft stationäre erzieherische und therapeutische Massnahmen erfordern. Deshalb kam es auf Campemoor 2010 zur Umstellung der Regelgruppen auf Intensivgruppen mit einem hohen personellen Aufwand. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff in Bonn.

 

In seinem zweiten Referat ging es Eberhard Laug um den Strukturaufbau im Rahmen der Reittherapie des Kinderhofs Campemoor: Vom Labyrinth zum Wanderritt.

Die Einrichtung besteht aus drei Höfen und beherbergt insgesamt 13 Pferde, zumeist Islandpferde, im grosszügigen Offenstall gehalten. Die Teilnahme am Reitprogrammbedeutet für manche Kinder zum ersten mal etwas Verbindliches. Die Abläufe wiederholen sich täglich wie ein Ritual: Begegnung mit dem Pferd, Halftern, Holen, Anbinden, Striegeln, Hufe kontrollieren, Satteln, Ausrüsten des Reiters, Trensen des Pferdes, Aufsteigen und schliesslich Losreiten. Im Reitlabyrinth wärmen die Kinder das Pferd selbständig auf und kommen so recht bald zum selbstständigen Reiten. Steine begrenzen den Weg im kreisförmigen Labyrinth mit 20 Metern Durchmesser, es führt zu gleichförmiger Bewegung ohne Kreuzungen; die Bewältigung dauert etwa 20 Minuten, fordert Aufmerksamkeit und Ausdauer, schult Rücksichtnahme, Disziplin und Reitkunst. Das Reiten findet bei jedem Wetter draussen statt, nur selten muss wetterbedingt darauf verzichtet werden. Das Reitprogramm ist die Vorbereitung auf mehrtägige bis mehrwöchige Wanderritte im Frühjahr, Sommer und Herbst; an Weihnachten wird mit den Pferden die Weihnachtsgeschichte aufgeführt. Als übergeordnetes Ziel soll jedes Mitglied gemeinsam mit der Gruppe und seinem Pferd das Ziel erreichen.

 

Am Nachmittag ging es mit einem Shuttle-Bus zunächst ein Stück weit ins Moorhinein, wo ein ortskundiger Schweinezüchter aus der Region die Geschichte und Nutzung - früher und heute - des Moors erläuterte. Es folgte die Besichtigung des Kinderhofes Campemoor mit Selbsterfahrung im Reitlabyrinth: zu Fuss durchgehen, ein Pferd hindurch führen, auf dem geführten Pferd reiten oder selber aktiv reiten, waren die Möglichkeiten. Anlässlich der MV der SG-TR wurde der Hof im März 2001 schon einmal besucht, bei Sturm und Regen - diesmal schien eine freundliche Frühlingssonne und das Kuchenbuffetliess dank fleissigen Helfern keine Wünsche übrig.

 

Der Abend klang mit einem reichhaltigen landestypischen Abendessen mit stimmungsvoller irischer und isländischer Life-Folk-Musik aus.

 

Am Sonntag-Vormittag sprach Jasmin Zobel, Reittherapeutin SG-TR, Mitarbeiterin auf Campemoor, über die kulturelle Bedeutung vonLabyrinthen in der Welt. Labyrinthe haben eine 4000 Jahre alte Tradition und erschienen in verschiedenen Kulturen überall auf der Welt in gleicher oder ähnlicher Form, als Ritzzeichnungen in prähistorischen Gräbern, als Stein- oder Heckenlabyrinth, als Fingerlabyrinth und ab dem 11. Jh. sogar in christlichen Kirchen als Bodenmosaik eingelassen. Meist erschienen sie als Schutzsymbol an besonderen Orten, wo Feste und Zauberrituale gefeiert wurden. Als Reitlabyrinth besteht es auf Campemoor seit 1995. Es gibt weitere Reithöfe, z.B. der Wiesenhof bei Karlsruhe, die das traditionelle Labyrinth für das Reiten nutzen.

 

Michael Stuckenberg, Pferdezahnarzt und Osteopath, demonstrierte an zwei Pferden des Kinderhofs Campemoor eine osteopathische Behandlung.

 

Zeitgleich fand im Gasthaus Linnenschmidt eine zusammenfassende Aussprache mit den Referenten und der Heimleitung statt. Es ging in der Diskussion um die Möglichkeiten und Grenzen des Heilpädagogischen Reitens in der stationären Kinder- und Jugendhilfe angesichts aktueller Störungsbilder. Als hilfreiches Mittel zur Förderung der schwerst entwicklungsauffälligen Kinder und Jugendlichen gehört die pferdegestützte Arbeit auf Campemoor von Anfang an dazu und hat sich bewährt. Von Pferd und Betreuer wird Eindeutigkeit verlangt und erhalten. Die immer gleichen Strukturen und Aufgabenstellungen durch die Pferde und die damit verbundenen Pflichten sind zentral. Die Kinder und Jugendlichen werden schrittweise an diese Aufgaben herangeführt und für viele sind es erstmals verbindliche Aufgabenstellungen. Bis sie auf den Wanderritt mitgehen können, haben sie bereits einen weiten Weg zurückgelegt.

 

Weitere Angaben auf www.kinderhof-campemoor.de