Die Isländer und der Tölt

Die Islandpferdeszene würde gut daran tun, dem Getuschel hinter vorgehaltener Hand von "normalen" Reitern etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die Isi-Szene, speziell die unschönen Turnierbilder, sind nicht unbedingt als gutes Marketing zu bezeichnen. Die DIPO-Pferdeosteotherapeutin und Pferdeheilpraktikerin Lisa Güldener klärt die "normalen" Reiter auf.

Quelle: Equimonde.de

Autorin: Lisa Güldener

 

"Seit 13 Jahren bin ich den Islandpferden verfallen. Ihr Charakter, ihr Aussehen und vor allem die Extra-Gangarten haben es mir angetan und so wechselte ich von Großpferden auf die kleinen Pferde von der Insel. Mein Leben wird mittlerweile von zwei Islandpferden begleitet.

 

Seit 2011 habe ich eine eigene Praxis für Pferdeheilkunde und Pferdephysiotherapie im Raum Wetterau, Taunus, Gießen und Frankfurt. Als Islandpferdereiter kenne ich die Vorurteile, aber auch die Wahrheiten über die Auswüchse dieser Reitsparte. In diesem Artikel möchte ich Reitern anderer Rassen ein wenig von der Arbeit mit Gangpferden, speziell Islandpferden berichten. Wie und ob diese Pferde überhaupt gesund tölten können und was die Schwierigkeiten dabei sind.

 

Zunächst einmal ist es wichtig, die besonderen Merkmale eines Gangpferdes, hier am Beispiel des Islandpferdes, zu kennen. Grundsätzlich weißt jedes Islandpferd das gleiche Skelett, die gleiche Muskulatur auf, wie jedes andere Pferd. Ein paar Auffälligkeiten im Gebäude zeigen aber schnell, wo die Schwierigkeiten liegen: Vom Warmblut kennen wir den perfekten Winkel des Oberschenkels zum Becken von 90 Grad. Bei einem Islandpferd wird zum größten Teil auf einen wesentlich offeneren Winkel gezüchtet, da, je offener der Winkel, mehr natürlicher Tölt und Pass vorhanden ist. Ein Pferd mit offenem Winkel hat jedoch wesentlich mehr Schub, d.h. die Hinterhand schiebt mehr als dass sie trägt.

Der Widerrist ist beim Islandpferd meistens wenig ausgeprägt und der Rücken dadurch eher gerade.

 

Aufgrund dieser Kombination – offener Winkel der Hinterhand und der wenig ausgeprägte Widerrist – neigt das Islandpferd vermehrt zur vorwärts-abwärts-Tendenz und geht von Natur aus tendenziell deutlicher auf der Vorhand als bspw. ein Warmblut mit ordentlichem Gebäude. Es läuft also, vor allem wenn der Reiter mit ins Spiel kommt, seinem Gleichgewicht hinterher. Eine Menge Schub, die nicht durch einen geschwungenen Rücken, einen hohen Widerrist gebremst wird. Den Schub braucht das Islandpferd für einen schnellen Pass mit viel Streckung, allerdings macht diese vermehrte Schubveranlagung in der Ausbildung vielerlei Probleme. Die meisten Islandpferde mit viel Schub gehen hinten sehr breit, oft sieht man schon am Gebäude, dass die Pferde breit stehen. Das macht sie zwar zum einen sehr trittsicher und geradeaus zu einem ausdauernden Pferd, aber sobald Stellung und Biegung gefordert wird und Tritte zur Körpermitte gefragt sind, wird es schwierig. Deshalb verlangt die Gymnastizierung bei einem Tölter jede Menge Geduld und Feinarbeit.

 

Gerade Fünfgänger (also nicht nur Pferde mit Tölt, sondern gleichzeitig auch noch Rennpass) neigen zu diesen Gebäudeproblemen. Tölt ist eine 4-Takt-Gangart, ähnlich dem Schritt, ohne Schwebephase. Genauso wie beim Schritt auch, ist der Tölt extrem anfällig für Taktfehler. Diese Taktfehler können sich in verschiedener Art äußern: Zum einen haben wir die Galopprolle, d.h. das Pferd zeigt während dem Tölten immer wieder ein leichtes Angaloppieren. Die Ursache hierfür kann zum einen sein, dass das Pferd extrem vorhandlastig töltet und über diesen Galoppsprung versucht von der Vorhand zu kommen. Eine weitere Ursache (und oft gekoppelt mit Vorhandlastigkeit ) ist eine Instabilität, vorstellbar als eine unpassende Spannung und Koordination der Bauch-und Rückenmuskulatur, die verhindert dass das Pferd geschlossen bleibt und die Bewegungen sanft abfedern kann. Das kann zum einen provoziert werden durch zu träges Reiten und zu wenig Unterstützung bspw. bei einem jungen Pferd, aber auch durch zu hohe Spannung und handdominiertes Reiten.

 

Ein häufiger Taktfehler ist der Passtölt. Hierbei kommt es zu einer 2-Takt-Verschiebung mit wenig Tempo und fehlender Streckung, also nicht mit dem schnellen (gewollten) Rennpass zu verwechseln. Die Ursache hierfür ist vor allem ein fester, verspannter Rücken und ein aus dem Gleichgewicht geratenes Pferd. Seltener als der Passtölt findet man den Trabtölt, eine Verschiebung zum Trab hin. Diese wird vor allem dann provoziert, wenn dem Pferd durch handbetontes Reiten jede Möglichkeit der Bauchmuskelaktivität verwehrt wird und es sichtbar im Rücken durchhängt bei absoluter Aufrichtung.

 

In der Gangpferdeszene mehr oder wenig geduldet ist der 4-Schlag-Galopp. Dies ist oft bei Pferden mit viel Tölt und Pass zu sehen, da wenig Diagonalveranlagung vorhanden ist. Oft dauert es Jahre bis ein solches Pferd sicher auf einem Zirkel galoppieren kann ohne aus der Kurve zu fallen.

 

Jetzt hat man also einen groben Überblick über den Gangsalat eines mehrgängigen Pferdes und fragt sich: Wie reite ich dann ein Gangpferd in so einer sonderbaren, problematischen Gangart. Der Witz ist: Nicht anders als in jeder anderen Gangart auch. Da das Pferd für den Tölt nicht in einen anderen Körper wechselt, also der aktive und passive Bewegungsapparat immer noch der gleiche ist, muss der Reiter generell bestrebt sein, auch im Tölt für einen aufgewölbten Rücken, eine dynamisch beitretende Hinterhand und eine Anlehnung am Gebiss zu sorgen. Viele werden jetzt sagen, warum man dann so viele hässliche Bilder kennt, von Pferden mit aufgerissenen Augen, weggedrückten Rücken und hochgezogenem Kopf. Aber dass es auch anders geht und vor allem anders gehen MUSS, möchte ich hier kurz erläutern.

 

Gemerkt haben wir jetzt: Wir haben von der Tendenz her ein breit tretendes, schubstarkes Pferd, welches ursprünglich auf geradeaus reiten gezüchtet wurde. Wie in so vielen Fällen sind auch hier die Seitengänge das Aspirin der Reiterei. Das Pferd braucht für einen guten gesunden Tölt einen gewissen Grad an Versammlung. Es muss fähig sein die Hanken zu beugen und die Schubkraft in Tragkraft zu verwandeln. Das geht wie bei jedem anderen Pferd auch, nur hier vielleicht mit noch mehr Geduld und Zeit. Gerade wenn wir das Pferd zunächst nur dreigängig reiten, um das Töltproblem zunächst zu umgehen, werden wir merken, dass das Pferd sobald es knifflig wird, in den Tölt flüchten wird, da es hier im Gegensatz zur Trabarbeit keine Schwebephase hat und im Tölt sein Gleichgewicht sucht. Für einen biomechanisch korrekten Tölt muss das Pferd oder eher gesagt der Reiter lernen die Hinterhand zu kontrollieren. Kann er über seinen Sitz und seine Einwirkung jedes Hinterbein kontrolliert platzieren, wird es ihm möglich bei gleichbleibender Form des Pferdes statt Trab den Tölt zu zeigen.

 

Das klingt nach viel Kraftaufwand für das Pferd, wenn es denn anatomisch korrekt tölten soll. In der Realität finden wir häufig das Problem, dass das junge Islandpferd in 3 Monaten angeritten sein soll, alle Gänge sowohl in Bahn als auch Gelände zeigt und auch schon eingetöltet ist. Das ganze mit einem Gleichgewicht, das auch ein erwachsener Reiter Platz nehmen kann. Dass man in 3 Monaten nicht das Muskelkorsett ausbilden kann, was für einen korrekten Tölt nötig ist, sollte für jeden verständlich sein. Ergebnis sind reihenweise Pferde, die über Druck und Handreiterei im Tölt gehalten werden, weil sie körperlich nicht in der Lage sind und nie gelernt haben über einen aufgewölbten Rücken und eine durchfedernde Hinterhand zu tölten. Sie zeigen durchgestreckte Hinterbeine statt gebeugte Hanken, eine hohe Kruppe, ein zurückstehendes Vorderbein über das sich der Körper vorrollt (und enormen Zug auf das Hufrollensystem bedeutet), eine Anspannung der Unterhalsmuskulatur und ein festes Genick.

 

In der Praxis zeigen sich mir Pferde, die nach diesem Schnell-Tuning-System geritten werden mit abgeschwächter Oberlinie, der Rücken ist meist dachförmig, was immer ein Zeichen für schwache Rückenmuskeln darstellt und keinesfalls für ein gerittenes Pferd normal ist! Die Halsmuskulatur ist im Bereich des Unterhalses fest und deutlich ausgeprägt, im Vergleich zum Oberhals zu mächtig. Anstatt einem deutlichen Oberhalsschwung, der an der Schulter breit beginnt und zum Genick hin dünn ausläuft, sieht man meist Dellen vor der Schulter und einen Wulst direkt hinter dem Genickbereich, was nur über handdominiertes Reiten möglich ist. Wie bei vielen Kleinpferde- und Ponyrassen, neigen auch Islandpferde zu wenig Ganaschenfreiheit. Andererseits zeigt sich ein echter Ganaschenzwang nur bei mangelnder Hinterhandaktivität und fehlender Anlehnung. Sobald die Pferde ehrlich nach vorne geritten werden und selbstständig Anlehnung an die Reiterhand suchen, verschwindet das Problem der dicken Ganaschen.

 

Ebenfalls ein großes Problem der typischen Islandpferdereiterei und dem Streben nach möglichst viel Vorhandmechanik für die Turnierpräsentation, ist die Manipulation mit Gewichten und das „gegen die Hand treiben". Die Pferde sehen aus wie Preisboxer: Vorne bemuskelt wie Tarzan und die Hinterhand schwach und eingefallen. Jeder Reiter mit Basiswissen der Anatomie und Bewegungsphysiologie weiß, dass ein Reiten auf der Vorhand nicht nur Gelenke verschleißt, sondern zunächst Verspannungen hervorruft. Verspannte Muskeln zerren an Gelenken. Zur Einatmung bewegen sich neben dem Diaphragma die Brustwirbelsäule, die Rippen, speziell die 1. Rippe, das Sternum und die Thoraxform verändert sich. Ist die Beweglichkeit nun durch eine falsche handdominierte Aufrichtung und vorhandlastigem Reiten eingeschränkt, wird auch automatisch die Ein-und Ausatmung eingeschränkt. Niemanden wird es nun wundern, weshalb egal ob Islandpferd oder Warmblut ein Pferd schwerfällig schnauft, wenn es in vermeintliche Versammlung getrieben wird.

 

Je mehr man darüber nachdenkt, wie ein schlecht gerittener Isländer aussieht und was in seinem Körper passiert, um so mehr stellt man fest, dass das alles eigentlich nicht sein darf. Und da der Tölt keine unnatürliche Gangart für ein Islandpferd ist (zumindest wenn von der Zucht her so geplant ist), kann auch diese natürliche Gangart korrekt und schonend für das Pferd geritten werden. Der langsame Tölt sollte genutzt werden, um das junge Islandpferd im vorwärts/abwärts zunächst zu gymnastizieren und später Schritt für Schritt zu versammeln. Dabei reicht es, ein Pferd mit genügend Töltveranlagung zu haben. Es bedarf keinen manipulativen Techniken, sondern einfach nur Verstand und Geduld. Jede Aufgabe die es im Trab erfüllt, kann auch im Tölt geritten werden, da Muskeln und Skelett gleich bleiben. Von Zirkel bis Traver ist alles im Tölt möglich. Das Pferd muss nur lernen im Takt zu laufen, losgelassen zu sein und die Anlehnung zu suchen. Sobald wir ein Islandpferd in den schnellen Tölt entlassen, der bis zum Renntempo Tölt zu steigern ist, wird der Versammlungsgrad etwas aufgegeben und das was wir uns vorher in Ruhe erritten haben (Schubkraft in Tragkraft umsetzen), wird etwas verschoben in Richtung Schub, das Pferd darf sich etwas mehr strecken, um soviel Tempo aufzunehmen. Deshalb dürfen wir nicht erwarten im schnellen Tölt ein Pferd zu sehen welches die Nase noch in Höhe des Buggelenks hat. Allerdings ist auch hierbei darauf zu achten, dass der Rücken nicht durchhängt und das untertretende Hinterbein gebeugt und nicht gerade durchgedrückt ist.

 

In der Islandpferdeszene wird in den letzten Jahren viel kritisiert und bewegt. Es haben sich vereinzelt Reiter von der typischen Szene abgesplittet, nehmen Unterricht bei Klassikern und bilden ihre Pferde korrekt aus. Es wird immer häufiger auch öffentlich kritisiert und angeprangert was auf Turnierplätzen passiert, aber auch daheim in Feld und Wald. Es wird noch einiges an Zeit und Aufklärungsarbeit benötigt, bis sich in der Szene, wo Pferde zum größten Teil verschleißend und verheizend geritten wird, etwas tut.Vielleicht zuletzt ein kleiner Denkanstoss: Die islandpferdetypische Erkrankung am Bewegungsapparat ist Spat. Eine degenerative Erkrankung, die meist eine Folge von zu früher hoher Belastung und falscher Bewegung resultiert. Zudem ist es bei vielen Tierärzten mittlerweile Gang und Gebe bei einer Ankaufsuntersuchung das Hufbein zu röntgen, weil die Erfahrung gemacht wurde, dass in den letzten Jahren die Fälle von Hufrollensyndrom bei Islandpferden zugenommen hat.Ich freue mich in der Praxis über jeden Isländer der mit passender Ausrüstung geritten wird und der am stärksten ausgeprägte Muskel nicht der Unterhals ist. Man muss suchen, aber es gibt sie. Und die Pferde tölten trotzdem noch..."