Baumlos: Ghostsaddle im Test

Baumlose Sättel haben so ihren mehr oder weniger zweifelhaften Ruf. Glaubt man der "traditionellen" Theorie, ist die Gewichtsverteilung von baumlosen Modellen als kritisch zu betrachten und langfristig nicht empfehlenswert. Viele Beispiele von über Jahren mit Fellsattel gerittenen Pferden und deren Rückenmuskulatur widersprechen dieser Kritik. Da hilft wieder nur eins, selber ausprobieren.

Produkt getestet von: Angi Böni

 

Jeder Reiter resp. Pferdebesitzer kennt die Odyssee im Zusammenhang mit der Suche nach dem perfekten Sattel. Ich bin dem mit der Entdeckung des Stübben Portos Freedom schon sehr nahe gekommen. Dennoch bleibt es ein Baumsattel, der per Definition - eben wegen des Baumes - nur bedingt flexibel sein kann. Der Pferderücken ist es aber definitiv, diese Diskrepanz ist bei einem Baumsattel zu akzeptieren.

 

An einem Samstagmorgen im März habe ich also, zusammen mit einer Expertin für baumlose Sättel, ambitioniert stundenlang diverse baumlose Modelle getestet. Viele Modelle fielen bereits nach wenigen Minuten durch. Zum Teil wegen dem Sitzgefühl, zum Teil weil sie für Islandpferde schlichtweg zu wuchtig oder zu lang waren. Ein paar Wenige haben soweit überzeugt, dass sie noch ein paar Tage weiter getestet wurden. Aber es blieb das ungute Gefühl, auf einem Thron fernab des Pferderückens zu sitzen und jegliche Sitzhilfen irgendwo in den unendlichen Weiten der dicken Polsterung zu verlieren. Die Expertin war sichtlich verzweifelt angesichts meiner Resistenz gegenüber baumlosen Sätteln und hat mir den, wie sich später heraus stellte, entscheidenden Tipp mit den Ghost Saddles gegeben. Ich hatte noch nie davon gehört und nur schon der Name liess mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich hab das also eher mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen. Somit hatte ich das Thema Baumlossattel etwas enttäuscht schon fast ad acta gelegt. Die Neugier über diese mysteriösen Ghost Sättel hat dann doch gesiegt und bereits die ersten Ergebenisse bei Google haben mein Interesse geweckt.

 

Der Test

Als Testsattel wählte ich den Ghost Quevis in der grösse Piccolo. Dieser wird vor allem für Islandpferde empfohlen. Es ist ein kleiner, schön verarbeiteter, ultraleichter Ledersattel, der schon beim Auspacken daheim positiv überraschte. Der erste Testritt war noch etwas wackelig, da das dicke Spezialpad von Grandeur (wird beim Testsattel mitgeliefert) für meinen Geschmack wieder das übliche Throngefühl auslöste. Ohne das Spezpad, also nur mit gewöhnlicher Satteldecke, kam dann relativ schnell der WOW-Effekt. Ich war überaus begeistert. Die weiteren Testritte auf dem Reitplatz wie auch im Gelände hatten mich innerhalb der verfügbaren Testtage überzeugt. Das Pferd lief deutlich schwingender und federnder, was sich vor allem im Trab und Galopp stark bemerkbar machte. Es suchte zudem sehr viel schneller die Anlehnung und dehnte sich an die Hand. Das war davor definitiv nicht so extrem. Selbstverständlich spürt der Reiter mit so einem Sattel deutlich mehr vom Bewegungsablauf des Pferdes und es wird, wie bei jedem baumlosen Modell, die reiterliche Koordination und das Gleichgewicht geschult. Der Kontakt ist sehr direkt, aber nicht so direkt wie mit einem Fellsattel. Der Ghost gibt einem mehr das Gefühl, in einem "richtigen" Sattel zu sitzen. Die Testritte erfolgten in allen Gangarten, von Schritt über Tölt, Trab, Galopp (auch Renngalopp) bis hin zum Rennpass. Auch unerwartete Schreckhüpfer seitens des Pferdes stellen kein Problem dar. Die Entscheidung war schnell gefallen, der Ghost Quevis wurde als Zweitsattel erworben. Nach einigen Monaten hat sich der Ghost Quevis allerdings auf dem einen Pferd zu meinem Hauptsattel etabliert, während der klassische Baumsattel nun als Zweitsattel fungiert, aber immer noch gute Dienste leistet. Für Pferde mit einer (noch) weniger gut ausgebildeten Rückenmuskulatur, wie es bei meinem Neuzugang aus Island (noch) der Fall ist, müsste allerdings dringend ein Spezialpad verwendet werden. Da ich persönlich kein Fan von diesem Throngefühl bin, wird jenes Pferd hauptsächlich mit dem Baumsattel geritten.

 

Nach 6 intensiven Testmonaten nahmen eins meiner Pferde und ich vor ein paar Tagen für die Universitätsklinik Zürich an der Studie über die Rückengesundheit von Pferd und Reiter teil. Ich habe natürlich nichts anderes erwartet ;-) dennoch ist die Erleichterung gross, dass der Rücken des mit einem baumlosen Sattel gerittenen Pferdes einwandfrei ist. Nach wie vor kann ich diesen Sattel nur empfehlen.

 

Was den Ghost so speziell macht

Der Sattel hat weder einen Baum, noch ein Kopfeisen. Die beiden Sattelkissen sind mit Wolle gestopft und am Sattel angeklettet. Damit kann der Schwerpunkt des Sattels und die Wirbelsäulenfreiheit individuell eingestellt werden. Die Gurtstrippen sind zudem sehr innovativ am Sattel befestigt, so dass die Strippen automatisch einem der Gurtlage des Pferdes entsprechende Position einnehmen. Der Sattel verrutscht so auch bei eher locker verschnalltem Gurt nicht. Die Position der Steigbügelaufhängung kann ebenfalls angepasst werden.

 

Ghost bietet diverse Sattelmodelle in vielen verschiedenen Farbkombinationen, da sind kaum Wünsche offen. Der Sattel wird auf Bestellung in Handarbeit gefertigt. Ein Ghost Quevis ist für CHF 730 eine preislich interessante, lohnenswerte Alternative zu einem Baumsattel. Ich kann jedem Baumsattelreiter nur empfehlen, einen Ghost auszuprobieren. Die Testgebühr wird beim Kauf angerechnet.

 

In der Schweiz ist er erhältlich bei Angelika Winzeler www.pferdegerechte-saettel.ch

April 2017: der Ghost Quevis in Brauntönen - die braune Satteldecke gehört nicht dazu.
April 2017: der Ghost Quevis in Brauntönen - die braune Satteldecke gehört nicht dazu.