Gebiss ab Stange oder Bit-Fitting?

Ein Sattel muss auf den individuellen Pferderücken passen. Das wird schon länger nicht mehr in Frage gestellt. Kaum einer wagt es noch, einen Sattel ab Stange zu kaufen. Was aber ist mit dem Gebiss?

Auf der Suche nach einem neuen Pferde-Zahnarzt bin ich durch Zufall auf eine Seite über Gebisse gestossen. Nach dem Durchlesen der sehr spannenden Informationen war das schlechte Gewissen nicht mehr weit. Erschrocken musste ich mir eingestehen, die Beschaffenheit der Mäuler meiner Pferde nicht wirklich zu kennen. Freilich, die Dicke des Gebisses habe ich gefühlsmässig gewählt und die Breite natürlich gemessen. Und die Gebissart aufgrund des Reitgefühls und der Reaktion der Pferde bestimmt.


Die Grösse des Kopfes ist unbedeutend
Die Grösse des Kopfes sage zum Beispiel nichts über die Grösse des Pferdemaules aus, so die Dentalpraktikerin Mayura Wolla aus Deutschland. Jedes Pferdemaul sei einzigartig in seiner Maulbeschaffenheit und Sensibilität. Aus anatomischer Sicht sei nicht jedes Trensengebiss für jedes Maul geeignet. "Mehr als 70% der am Pferd verwendeten Trensengebisse passen nicht", so die Aussage von Frau Wolla.

 

Die Dicke und Breite der Zunge, die Beschaffenheit des Gaumens, flach oder gewölbt, die Breite des Mauls und der Abstand zwischen dem weichen Gaumen und dem Unterkiefer sind entscheidende Kriterien für die Wahl des richtigen Trensengebisses. Wie man auf der Homepage der Dentalpraktikerin sehen kann, können wenigen Milimeter entscheidend sein. Ein Pferd mit passendem Trensengebiss kann mehr Vertrauen zur Hand aufbauen, dadurch besser abkauen und sich im Genick loslassen.

 

Viele herkömmliche Trensengebisse würden im Maul nicht richtig funktionieren, u.a. daher widersetzen sich viele Pferde der Reiterhand, die Hilfen werden nicht angenommen und dies führt zu missverständlichem Kommunizieren zwischen Pferdemaul und Reiterhand. Beispielsweise lösen viele Gebisse einen konzentrierten Druck auf die Zunge aus, die Gelenke der Trensengebisse wie einfach oder doppelt gebrochen, drücken auf den Gaumen oder die seitlichen Knochen des Gaumendaches. Punktueller Druck auf bestimmte Regionen ist für das Pferd äusserst unangenehm bis sehr schmerzhaft. Ein gut passendes Gebiss verteilt den Druck gleichmäßig im Pferdemaul auf Zunge, Lade, Kinn und Gaumen. (Quelle: Mayura Wolla)

 

Grössenverhältnisse in der Maulhöhle

Auch Friederike Uhlig befasste sich in ihrer Bakkalaureatsarbeit im Studiengang Pferdewissenschaften
der Veterinärmedizinischen Universität Wien intensiv mit der Lage und Wirkung von Trensgebissen. Sie fasst dazu Folgendes zusammen: "Über die Größenverhältnisse der anatomischen Strukturen zueinander ist in der Reitliteratur nur wenig geschrieben. Lediglich WRANGEL (1927) äußert sich dazu ausführlicher. Ein ihm wichtiger Aspekt ist die innere Entfernung zwischen den Laden, auch als Zungenkanal bezeichnet. Je nach Breite und Tiefe nimmt er die Zunge des Pferdes zu einem großen Teil auf. Bei Pferden mit fleischiger Zunge und niedrigen fleischigen Laden tritt diese über den Zungenkanal hervor und nimmt sehr viel Platz in der Maulhöhle ein. Bei hohen Laden und breiterem Zungenkanal kann die Zunge besser zwischen den Unterkiefern aufgenommen werden. Auch HOLTAPPEL (1997) weist darauf hin, dass dieses Verhältnis zwischen Größe des Zungenkanals und Größe der Zunge bei der Auswahl des richtigen Gebisses zu berücksichtigen ist. Eine dünne, flache Zunge verschwindet unter dem Druck der Trense

vermehrt im Zungenkanal und ihre polsternde Wirkung für die Laden vermindert sich. WITZMANN (2007) zieht aus seinen Untersuchungen anhand von Röntgenaufnahmen den Schluss, dass das Verhältnis von Zungenbreite zu Unterkieferbreite und zur Auflagefläche der Trense (Distanz zwischen dem Grat beider Laden) 9:5:3 beträgt. WITZMANN (2007) schließt daraus, dass die Zunge etwa doppelt so breit wie der Unterkiefer ist und dreimal so breit wie die Auflagefläche zwischen den Oberkanten der Laden."

 

E. Engelke und H. Gassen beschäftigten sich in ihrer Studie aus dem Jahr 2003 intensiv mit den Lage- und Grössenverhältnissen der Strukturen der Maulhöhle (An anatomical study of the rostral part of the equine oral cavity with respect to position and size of a snaffle bit). In ihrer Studie nahmen sie Messungen
definierter Distanzen der Maulhöhle an toten Pferdeköpfen vor: "Die Messergebnisse wiesen große individuelle Unterschiede auf. Eine Alters-Größen-Regel ließ sich daraus nicht ableiten. Allerdings konnte eine signifikante Asymmetrie im Vergleich der Werte der linken und rechten Höhe des Diastemas festgestellt werden. Der Unterschied betrug bis zu 5 mm. Laut Studie ließen die Messwerte der Gaumenbogenhöhe eine eindeutige Altersabhängigkeit erkennen. Mit zunehmendem Alter nimmt die Höhe des Gaumenbogens ab. Dies ist wiederum gemäss Benett bedingt durch die Absenkung des Gaumens."

 

Bit-fitting

Bit-fitting nennt sich die Beratungsstelle für Trensengebisse von Frau Wolla. Es kann wohl noch nicht von einem neuen Trend die Rede sein, denn zumindest in deutschprachigen Reiterkreisen ist (noch) keine Rede davon. Nicht mal die Google Suche brachte Ergebnisse hervor. Auch das florierende Trensengeschäft an Turnieren, Messen oder bei den Online-Shops spricht eine deutliche Sprache. Dennoch, sowohl die Praxiserfahrungen einer IGFP geprüften Pferdedentalpraktikerin wie auch die zwar wenigen, aber aussagekräftigen Studen bestätigen, was Frau Wolla dringend empfiehlt:

 

"Was auch immer die Gebisse versprechen, sie müssen in das Maul Ihres Pferdes passen!"

 

Um ein gut passendes Gebiss für sein Pferd zu finden, sollte der Reiter gemäss Mayura Wolla über folgende Informationen verfügen:

  • Wie breit ist das Maul meines Pferde?
  • Hat es eine kurze oder längere Maulspalte?
  • Wie breit sind die Unterkieferäste?
  • Hat es eine dicke, fleischige oder eine dünne Zunge?
  • Ist die Zunge schmal oder breit?
  • Wie hoch ist der Abstand zwischen Ober- und Unterkiefer auf Höhe der Laden?
  • Hat mein Pferd ein flaches oder gewölbtes Gaumendach?

Für die Pferdedentalpraktikerin ist klar, dass erst dann das passende Gebiss für ein Pferde richtig eingeschätzt werden könne, wenn die oben genannte Fragen beantwortet sind.

 

Die ganze Bakkalaureatsarbeit von Friederike Uhlig findet ihr unter diesem Link.