Immer wieder dieser Fellwechsel

Auch wenn wir zeitweise noch unter warmen bis hochsommerlichen Temperaturen zu "leiden" haben, sind unsere Islandpferde bereits mit den Vorbereitungen für den Winter beschäftigt. Die Zeit des kurzen, pflegeleichten, nicht haarelassenden Felles ist schon wieder vorbei. Schwerstarbeit für den Organismus unserer Vierbeiner.

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Oft wird vermutet, Pferde könnten den nahenden Winter spüren und es ließe sich aus dem Zeitpunkt, der Intensität und Dauer der Winterfellbildung Rückschlüsse auf das kommende Wettergeschehen schließen. Klingt toll, stimmt aber leider nicht. Beim Fellwechsel spielen zwei Faktoren eine Rolle.

 

Auslöser für den Fellwechsel

Die Initialzündung wird von der abnehmenden Tageslichtlänge ausgelöst, die über die Zirbeldrüse, einen kleinen Bereich im Gehirn, viele zeitabhängige Rhythmen steuert – auch das Fortpflanzungsgeschehen. Werden die Tage wieder kürzer, wird intern die Losung "Achtung, der Winter naht!" ausgegeben, ebenso wie die helleren, längeren Tage im Januar bereits den Frühjahrsfellwechsel einläuten – zu einer Zeit, in der der Winter hierzulande oft erst richtig loslegt.

 

Der zweite Faktor ist tatsächlich eine Reaktion auf Kältereize, allerdings nicht vorausschauend, vorahnend, sondern auf aktuelle Gegebenheiten reagierend. Pferde im Offenstall bilden ein dichteres und längeres Fell aus als die Boxenpferde im Nachbarstall.

 

Zwar wechseln unsere Pferde zweimal jährlich das Fell, zwischen den beiden Fellwechselperioden gibt es allerdings Unterschiede. Im Frühjahr wird das lange Winterfell nur nach und nach abgestoßen. Erst müssen die langen Oberhaare gehen, dann löst sich allmählich die dicke Unterwolle. Zum Vorschein kommt das dünne Sommerkleid, das die Pferde je nach regionalen Wetterverhältnissen oft nur für wenige Monate tragen. Das Abhaaren dauert also recht lange (mit Unterbrechungen regional bis zu vier Monate), das neue Fellkleid kommt direkt zum Vorschein und verändert sich bis zum nächsten Fellwechsel nicht mehr. Anders der Herbst: Die kurzen, glatten Sommerhaare werden oft innerhalb weniger Tage oder Wochen abgestoßen und durch zunächst kurze Winterhaare ersetzt. Nach und nach werden diese Haare länger, es bildet sich ein zweischichtiger Pelz aus langen Oberhaaren und plüschigen Unterhaaren. Oft hat das Winterkleid erst im Laufe des Dezembers seine endgültige Ausprägung erreicht. Im Herbst geht das Abhaaren also schnell vonstatten, die Neubildung dagegen nimmt lange Zeit in Anspruch.

 

Unterstützung durch Fütterung

Viele hundert Gramm Haarkleid müssen also nach und nach produziert werden. Das Pferd ist dabei auf die kontinuierliche Zuführung der benötigten Baustoffe – in erster Linie hochwertige Proteine – angewiesen. Über die Fütterung lässt sich die Fellneubildung hervorragend unterstützen. Während des Herbstfellwechsels stocken Sie die Kraftfuttergabe deshalb durch zusätzliche Elemente auf. Geeignet sind vor allem Futtermittel, die Proteine oder Öle in hochwertiger Form enthalten. Eiweißstoffe werden für die Fellneubildung benötigt, Öle dagegen bilden einen zusätzlichen Schutzfilm, der die Wasser abweisenden Eigenschaften des Fells unterstützt. Leinsaaten liefern neben Material für den Schutzfilm auch Energie. Im Herbst können Sie bereits im August damit beginnen, die Ration für zwei bis drei Monate entsprechend aufzuwerten, im Frühjahr je nach regionalen Bedingungen reicht ein kürzerer Zeitraum etwa ab Mitte Februar.

 

Die Gesamtration darf aber den tatsächlichen Bedarf nicht überschreiten. Erhält Ihr Pferd sowieso bereits ein Übermaß an Eiweißen und füttern Sie nun zusätzlich Bierhefe, führt die Proteinüberversorgung zu einer Belastung des Stoffwechsels. Grundlage der Fütterung sollte immer eine gut kalkulierte, am tatsächlichen Bedarf orientierte Ration sein.

 

Haltungsbedingungen

Pferde unterscheiden sich je nach Haltung, Rassezugehörigkeit und Alter hinsichtlich der Fellbildung erheblich voneinander. Während ein Isländer aus robuster Haltung im Winter mit einem an zehn Zentimeter dicken Pelz herumläuft, wird ein im Warmstall gehaltener Zweibrücker oder Hesse ein wesentlich kürzeres Haarkleid ausbilden.

 

Allgemein gilt:

  • Ponys bilden ein längeres Fell als Warmblüter oder Vollblüter,
  • Pferde in robuster Haltung brauchen mehr Schutz und haben deshalb ebenfalls ein stärker ausgeprägtes Winterfell als Pferde aus Warmställen,
  • alte Pferde fallen oft ebenso durch ein dichteres oder längeres Fell auf.

 

Erhalten Pferde keine dem tatsächlichen Bedarf entsprechende Ration, werden Fellbildung und Aufrechterhaltung der Körpertemperatur behindert – die Pferde frieren. Als Gegenmaßnahme bilden sie besonders lange Haare aus, die jedoch keinen echten Schutz bieten. Diese „Hungerhaare“ unterscheiden sich von echtem Winterfell dadurch, dass sie nicht dicht genug stehen und kein gut schließendes Haarkleid bilden. Hier gilt es also, genau hinzusehen. Und: Winterfell kann einen schlechten Futterzustand verdecken, deshalb sollten Sie regelmäßig „Hand anlegen“, also tastend überprüfen, ob sich über den Rippen noch eine gut isolierende Fettschicht befindet.

 

Gut gepflegt

Das Abhaaren lässt sich durch Fellkratzer, die es in verschiedenen Ausführungen gibt, unterstützen. Mit kurzen Zähnen versehene Klingen streifen die abgestoßenen Haare vom Rumpf, Fellkämme entfernen das alte Haarkleid und mit Noppen versehene Gummischeiben ziehen es sanft aus dem Gesicht. Für Problemzonen an der Vorderbrust, am Ellbogen und Unterbauch sind besondere Klingen zu empfehlen. Sie teilen verfilztes Haarkleid und erleichtern das Auskämmen der Unterwolle. Nach dem Durchhaaren wird wie gewohnt geputzt, allerdings verlangt das harsche Winterfell oft nach etwas gröberen Bürsten.

 

Achten Sie darauf, keine Nässe von außen nach innen ins Fell zu drücken. Ziehen Sie durchnässtes Haarkleid mit einem Schweißmesser trocken und bürsten es danach auf, damit es leichter trocknet; bürsten Sie es nicht durch oder glatt. Dringt infolge intensiven Putzens Nässe durch das Fell bis auf die Haut, wird das Pferd zu frieren beginnen. Säubern Sie vor allem die Sattel- und Gurtlage sowie den Kopf, verschmutzte Bereiche anderswo dürfen und sollten Sie bis zum Abtrocknen ignorieren. Versuche, nassen Schlamm aus dem langen Winterkleid eines Robustpferdes zu bürsten, sind sowieso zum Scheitern verurteilt.

 

Es ist eine wahre Kunst, witterungsbedingt nasse Pferde und Ponys aus Robusthaltung im Winter so zu reiten, dass sie sich nicht erkälten. Sie müssen eine völlige Durchnässung (Regen von außen, Schweiß von innen) verhindern und dies gelingt am besten durch strategisch günstiges Reiten: So intensiv, dass die vermehrte Körperwärme das nasse Haarkleid trocknet, aber doch so verhalten, dass der Schweiß nicht am Körper stehen bleibt. Da so ein Pelztier schon durch längeres Schrittreiten zu schwitzen beginnt, keine einfache Aufgabe …

 

Scheren und Eindecken?

Scheren und Eindecken? Nur Eindecken? Beides am besten bleiben lassen? Was ist nun richtig? Eine pauschale Antwort gibt es nicht, denn es kommt auf den Einzelfall an.

 

Robustpferde werden in der Regel nicht dauerhaft, sondern nur unmittelbar nach der Arbeit eingedeckt, häufig aber kleinflächig geschoren. Dabei ist darauf zu achten, den natürlichen Witterungsschutz so wenig wie möglich zu beeinflussen. Dies gelingt am besten, wenn man im Spätherbst unterhalb der Körpermitte einen „Rallyestreifen“ ringsherum schert oder Unterbauch samt Vorderbrust schert. Zusätzlich kann der Hals unterhalb der Mähne einen Kahlschlag vertragen. Es wird so ein Bereich geschaffen, der einen ungehinderten Wärmeaustausch erlaubt und damit wird einer Überhitzung mit starkem Nachschwitzen vorgebeugt. Das Scheren des Bauches hat den Vorteil, dass Pferde sich häufig auf nassen Untergrund legen (auch wenn trockene Liegeflächen zur Verfügung stehen) und ein solcherart durchnässter und verschmutzter Bauch Auskühlung und Hautkrankheiten fördert. Schert man im Spätherbst, so wächst ein kurzer, dichter Pelz nach, der genügend Schutz bietet.

 

Große Pferde in Robusthaltung bilden oft kein so ausgeprägtes Winterfell wie die Ponykollegen. Werden sie im Winter allerdings intensiv trainiert, ist Schwitzen trotzdem ein Problem. Es ist oft üblich, sie ab dem Frühherbst zunächst nur nachts, später auch tagsüber einzudecken, um die Bildung des Winterfells zu begrenzen. Dem Pferd werden quasi wärmere Außentemperaturen suggeriert, die Fellbildung verläuft weniger intensiv. Es ist auch möglich, zu einem späteren Zeitpunkt zunächst kleinflächig zu scheren und anschließend einzudecken. Allerdings ist der Reiter in beiden Fällen gefordert, sich intensiv um sein Pferd zu kümmern: Das dauernde Eindecken fördert Hautkrankheiten und kann zu Scheuerstellen führen und eine Durchnässung ist unbedingt zu verhindern. Stehen eingedeckte Pferde im Regen, saugen sich ungeeignete Decken mit Wasser voll und die Pferde kühlen relativ schnell aus. Die meisten Pferde aber kommen ohne Decke aus.

 

Bei Pferden aus Warmställen erübrigen sich Scheren und Eindecken, da die Temperatur im Warmstall nicht soweit sinkt, dass es zur Bildung eines ausgeprägten Winterfells kommt. Kommen die Pferde auch im Winter zumindest zeitweise nach draußen, können sie fallweise bei Regen in Verbindung mit Wind durch eine Regendecke geschützt werden.

Die meisten Fachleute halten das Eindecken für überflüssig und schädlich und sind sich einig, dass im Bedarfsfalle – und nur dann – dem Pferd durch gezieltes, begrenztes Scheren mehr gedient ist. Für Senioren und kranke oder rekonvaleszente Pferde gelten natürlich andere Regeln!

 

Nach dem Ritt

Sie haben eben einen schönen Ausritt im Schnee genossen oder intensiv in der Halle gearbeitet? Bevor Ihr Pferd zurück in den (Offen)Stall darf, muss es kontrolliert abschwitzen, abkühlen und trocknen, damit es sich nicht verkühlt. Reiten Sie am Ende der Trainingseinheit ruhigen Schritt am langen Zügel oder, besser noch, sitzen Sie ab, lockern den Gurt und führen Sie. Angenehmer Nebeneffekt: Ihre Zehen tauen nun wieder auf!

 

Satteln Sie Ihr Pferd an einem windgeschützten, aber luftigen Ort ab und legen Sie eine dünne Decke über Sattellage und Kruppe. Sie soll das Abkühlen des erhitzten Körpers soweit verzögern, das er nicht auskühlt. Während der Nachsorge belassen Sie diese Decke, später nehmen Sie sie herunter, bürsten Sattel- und Gurtlage über und rauen das Fell anschließend gegen den Strich auf. Nasses Fell lässt sich mit alten Frotteehandtüchern hervorragend trockenrubbeln. Führen Sie Ihr Pferd in die Halle und lassen es wälzen, dies fördert das anschließende Abtrocknen. Jetzt decken Sie es mit einer Abschwitzdecke ein und führen es in den Stall. Die Decke bleibt nun meist eine halbe bis eine Stunde am Platz. Nur bei stark verschwitzten Pferden muss sie nochmals gegen ein trockenes Exemplar gewechselt werden. Notfalls kann eine Wärmedecke auch über Nacht verbleiben, wenn es nicht regnet oder schneit.