Parasitenmanagement: Neuorientierung

Wir hatten bereits im 2014 im Magazin darüber berichtet. Der Strategiewechsel für die Entwurmung von Pferden wird von den Pferdekliniken und Parasitologen der Vetsuisse‐Standorte Bern und Zürich gemeinsam unterstützt und propagiert.

Quelle: www.paras.uzh.ch

 

Informationen für Pferdehalter

Mit der Erarbeitung einheitlicher Empfehlungen wurde das Ziel verfolgt, dem in den vergangenen Jahrzehnten beobachteten Wandel im Parasitenspektrum Rechnung zu tragen und die Auswirkungen unterschiedlicher Haltungsstrukturen auf das Parasitenmanagement einzubeziehen.

 

Hintergrund

Innerhalb des Spektrums der beim Pferd vorkommenden Strongyliden (Dickdarmparasiten) hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein markanter Wandel vollzogen. In Westeuropa, wie auch in vielen anderen Regionen dominieren heute vor allem die kleinen Strongyliden, wohingegen die grossen Strongyliden als Folge ihres langen Entwicklungszyklus und des intensiven Einsatzes von Entwurmungsmitteln deutlich in den Hintergrund gedrängt wurden und heutzutage in der Schweiz nur noch sporadisch diagnostiziert werden. Kaum ein Wandel ist dagegen in der gleichen Periode bei den Empfehlungen zur Kontrolle der Strongyliden‐Infektionen erfolgt, die sich mehrheitlich weiterhin auf 3‐4 Kalender‐basierte Entwurmungen

abstützen. Studien im deutschsprachigen Raum zeigen, dass die Ausscheidung von Eiern kleiner Strongyliden beim Pferd heute überwiegend auf geringem Niveau erfolgt und ein hoher Anteil von Pferden, die für eine erneute Behandlung vorgesehen wären, einen negativen Befund bei der quantitativen Kotuntersuchung (McMaster‐Methode) aufweisen. Parallel mit dieser Entwicklung ist bei den kleinen Strongyliden in den vergangenen Jahren eine kontinuierliche Erhöhung der Resistenz gegen Entwurmungsmittel feststellbar.

 

Strategiewechsel

Eine, die heutigen Haltungsbedingungen der Pferde und die Wurmmittel‐Resistenz einschliessende Analyse, muss als Konsequenz haben, dass das beim Pferd bislang weithin praktizierte System der Quartalsbehandlungen den heutigen Anforderungen nicht mehr entspricht. In Fachkreisen ist daher die Notwendigkeit einer Neuorientierung der Wurmkontrolle kaum noch strittig.

Die Tatsache, dass trotz teilweise abgeschwächter Wurmmittel in der Schweiz kaum klinische Probleme in Zusammenhang mit den kleinen Strongyliden registriert werden, lässt auch den Schluss zu, dass die derzeit übliche Bekämpfungspraxis sich als weitgehend tolerant gegenüber Fehlern erwiesen hat. Ein beträchtlicher Teil der die Tiergesundheit positiv beeinflussenden Effekte, die wir beim Pferd momentan den wiederkehrenden Wurmbehandlungen zuordnen, resultiert daher sehr wahrscheinlich aus Faktoren in den

Bereichen Haltung und Management, die eine Minderung des Infektionsdruckes und eine Steigerung der Kondition zur Folge haben. Eine konsequente Weidehygiene gilt dabei seit längerem als ein Grundpfeiler einer nachhaltigen Parasitenprophylaxe. Im Rahmen einer bedarfsorientierten Parasitenkontrolle kommt der Analyse der Haltungsbedingungen der Pferde im Zielbestand eine wesentliche Bedeutung zu. Hier ist es

die Aufgabe des/der verantwortlichen Tierarztes/Tierärztin, die wichtigsten Faktoren mit Einfluss auf das Infektionsgeschehen zu analysieren und zu bewerten. Dazu gehören v.a. Art und Umfang des Weideganges, Weidehygiene und ‐management, Altersstruktur der Herde, vorhandene Erregergruppen und ihre Resistenzlage. In der Schweiz haben deutlich weniger als die Hälfte aller Pferde täglichen Weidegang. Bei allen wenig oder nicht geweideten Pferden kann das Risiko eines umfangreichen Befalls mit kleinen Strongyliden als sehr gering angesehen werden. Wird bei Weidehaltung der Kot einmal wöchentlich oder häufiger abgesammelt, hat dies auch bei dieser Haltungsform eine wesentliche Senkung des

Infektionsdruckes zu Folge.

Als primäre Ziele der Parasitenkontrolle sind die Wahrung der Tiergesundheit, insbesondere die Verhütung klinischer Fälle und die Reduktion des Infektionsdruckes auf den Weideflächen zu nennen. Der zur Erlangung dieser Ziele erforderliche Behandlungsaufwand sollte so gering wie möglich gehalten werden, um eine längere ‚Überlebensdauer‘ der noch wirksamen Entwurmungsmittel zu ermöglichen.

 

Bedarfsgerechter Einsatz von Entwurmungsmitteln bei erwachsenen Pferden

Die Neuausrichtung der Parasitenkontrolle sieht vor, den Behandlungsentscheid beim klinisch gesunden, erwachsenen Pferd auf das Ergebnis der Kotuntersuchung abzustützen, bei der Art und Anzahl der im Kot ausgeschiedenen Parasiteneier ermittelt werden. Anschliessend sind nur noch die Pferde zu behandeln, deren Ausscheidung von Strongylideneiern im Kot einen Schwellenwert überschreitet oder bei denen Eier von Spulwürmern oder Bandwürmern nachweisbar waren. Pferde innerhalb ihrer ersten vier Weideperioden sollten noch nicht in diesen selektiven Behandlungsansatz einbezogen werden, da das Erkrankungsrisiko vor allem in der ersten Hälfte dieses Lebensabschnittes erhöht ist. Für Tiere dieser Altersgruppe sind vom Tierarzt gesonderte Behandlungsprotokolle auszuarbeiten, die sich von den verwendeten Entwurmungsmitteln und dem herrschenden Infektionsdruck im Bestand ableiten.

Die derzeit empfohlene Strategie selektiver Behandlungen basiert auf einem Schwellenwert von 200 Strongylideneiern pro Gramm Kot (EpG), bei dessen Erreichen die Durchführung einer Entwurmung bei adulten Pferden empfohlen wird. Diese Schwelle ist im Hinblick auf den möglichen Ausprägungsgrad von Infektionen mit kleinen Strongyliden und das Risiko klinischer Erkrankungen sehr tief angesetzt und daher vor allem auf die Verringerung der Umgebungskontamination mit Parasitenstadien ausgerichtet. In die Behandlungen sollten wechselweise sämtliche im Bestand noch wirksame Entwurmungsmittel einbezogen werden. Bei den Kotuntersuchungen werden neben den Strongyliden auch andere ausgeschiedene

Wurmeier erfasst, mit der Möglichkeit eines gezielten Vorgehens gegen seltener vorkommende Arten. Unabhängig von der Höhe der Ausscheidung wird eine Behandlungsempfehlung ausgesprochen beim Nachweis von Spulwürmern und Bandwürmern. Nach der tierärztlichen Analyse (Haltung, Fütterung etc.) eines zu Saisonbeginn in das neue Behandlungskonzept aufgenommenen Bestandes sollte mit den ersten Kotanalysen aller adulten Pferde im Mai begonnen werden. Im ersten Untersuchungsjahr sind für die

nachfolgenden Kotuntersuchungen etwa 8‐wöchige Intervalle einzuhalten, so dass idealerweise drei weitere Untersuchungen in den Monaten Juli, September und November stattfinden sollten. Die im ersten Untersuchungsjahr gemessenen Daten stellen bereits eine sehr wertvolle Erfahrungsgrundlage für die spezifische Situation des Betriebes im Allgemeinen und hinsichtlich des Reaktionsmusters der einzelnen Tiere im Speziellen dar. Beim Vorliegen eines konstant niedrigen Infektionsdruckes mit Parasiten und stabiler Managementbedingungen kann die individuelle Anzahl Kotuntersuchungen in diesen Beständen in nachfolgenden Weideperioden bis auf 2‐3 pro Jahr reduziert werden. Haben die Ergebnisse der Kotanalysen und der klinische Zustand der Tiere keinen Anlass für einen Einsatz von Entwurmungsmitteln während der Saison gegeben, so sollte als Sicherheitsmassnahme vor dem Winter eine gegen Rund‐ und Bandwürmer wirksame Behandlung aller Tiere vorgenommen werden.

Begleitend zu dem Parasiten‐Monitoring kommt der bestandesspezifischen Wirksamkeitsprüfung der verwendeten Entwurmungsmittel eine wesentliche Bedeutung zu. Die für die Praxis geeignetste Methode stellt der sogenannte Eizahlreduktionstest dar, bei dem die Eiausscheidung einzelner Tiere vor und nach einer Entwurmung ermittelt wird. Die Durchführung dieser Prüfung ist Teil der vom Tierarzt vorzunehmenden Massnahmen. Je nach der Intensität des Tierverkehrs im betreffenden Bestand sollte die Wirkstoffprüfung in

ein‐ bis zweijährigen Intervallen wiederholt werden. Da eine Differenzierung der Eier grosser und kleiner Strongyliden bei der routinemässigen Kotuntersuchung nicht möglich ist, wird empfohlen, das Vorhandensein der grossen Strongyliden auf Tiergruppenebene in jährlichen Intervallen abzuklären. Liegt in einem Bestand ein Verdacht auf Lungenwurm‐, Leberegeloder Oxyuren‐Befall vor, muss dieser durch separate Untersuchungen überprüft werden, weil diese Parasiten durch die beim Pferd routinemässig verwendeten Diagnostik‐Tests nicht erfasst werden.

 

Erfahrungen mit selektiven anthelminthischen Behandlungen beim Pferd in der Schweiz

In einigen europäischen Ländern wird das Konzept der selektiven Behandlungen beim Pferd

bereits seit mehreren Jahren erfolgreich praktiziert. Eine spezielle Situation liegt dabei in Dänemark vor, wo die Kotuntersuchungen eine verpflichtende Komponente innerhalb der Parasitenkontrolle darstellen. Von diesen Erfahrungen können wir hierzulande profitieren, jedoch erschien es wichtig, vor einer breiten Propagierung dieser Strategie eigene Erfahrungen hinsichtlich Wirksamkeit, Praktikabilität und Akzeptanz zu sammeln. Zu diesem Zweck wurden mehrere Pensionspferdehaltungen mit umfangreicher Weidehaltung

ausgewählt. In den ausgewerteten Untersuchungsjahren 2008 ‐ 2010 bewegten sich die Ausscheidungen von Eiern kleiner Strongyliden bei allen untersuchten Tieren in einem sehr tiefen Bereich. Nur bei 4 % der Analysen wurde der Schwellenwert von 200 EpG erreicht und eine Behandlung empfohlen. Diese Situation konnte inzwischen in mehreren anderen Erhebungen bestätigt werden, in denen die Rate der Behandlungsempfehlungen jeweils unter 10% lag. Für das tiefe Befallsniveau ist sehr wahrscheinlich der insgesamt hohe Hygienestatus in den Schweizer Beständen verantwortlich. Die Untersuchungen weisen zudem darauf hin, dass der Parasitendruck bei konstantem Management ein hohes Mass an Stabilität in den einzelnen Beständen besitzt.

Die bisherigen, über mehrere Jahre und unter unterschiedlichen meteorologischen Bedingungen gemachten Erfahrungen sind als sehr positiv hinsichtlich einer Umsetzung des selektiven Behandlungsansatzes zu werten. Schlussendlich wird diese Neuorientierung jedoch nur dann messbare Auswirkungen auf die Eindämmung der Wurmmittelresistenz haben können, wenn die neuen Vorgaben in möglichst breitem Umfang in der Praxis Anwendung finden. Die Erhaltung der verbliebenen Ressourcen und damit die Gewährleistung einer effektiven Parasitenkontrolle bei jungen und erwachsenen Pferden in der Zukunft sollte ein gemeinsames Ziel aller am Parasitenmanagement beteiligten Kreise, insbesondere der Tierärztinnen und Tierärzte, Tierhalter und von Wissenschaft und Industrie sein.

 

Quelle:

Hertzberg, H.1, Schwarzwald, C.C.,2, Grimm, F.1, Frey, C.F.3, Gottstein, B.3, Gerber, V.4 1 Institut für Parasitologie und 2 Departement für Pferde, Vetsuisse‐Fakultät, Universität Zürich;3 Institut für Parasitologie, Vetsuisse‐Fakultät, Universität Bern, 4 Institut suisse de médecine équine, Departement klinische Forschung, Vetsuisse‐Fakultät, Universität Bern und ALP‐Haras: Parasitenmanagement beim Pferd: Notwendigkeit einer Neuorientierung; Schweizer Archiv für Tierheilkunde (2014), 156, 61‐70.

 

Kontakt:

PD Dr. Hubertus Hertzberg, Institut für Parasitologie, Vetsuisse Fakultät, Universität Zürich

(hubertus.hertzberg@access.uzh.ch)